Manipulationstechniken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Meine subjektiven Beobachtungen während einer Nachrichtensendung der ARD.

Demonstrationen gegen die Coronapolitik finden in vielen Ländern der EU statt. Unterschiedlichste Menschen aller weltanschaulichen Richtungen nehmen teil. Auch die inhaltlichen Forderungen sind sehr vielfältig. Da geht es um den Lockdown und die Wirtschaft. Um die Maskenpflicht. Um Corona-Apps und ob sie verpflichtend auch zum Mitverfolgen unserer Wege (Tracking, Tracing) verwendet werden. Es geht ums Impfen und die Sorge um Zwangsimpfungen. Und so weiter, und so fort.

Diese Demonstrationen sind ein bunter Haufen von Menschen und von Anliegen, Sorgen und Forderungen. So weit, so normal in freien Demokratien. Daß es ab und wann bei Demonstrationen zu Problemen, auch in Auseinandersetzung von Demonstranten mit Polizisten kommt, gehört auch dazu; die Ursachen dafür sind auch vielfältig, pauschale (Voraus-) Urteile sind nicht angemessen.

Am 10. Mai 2020 habe ich mir um 20 Uhr die Tagesschau angesehen.

Aufgefallen ist mir der ca. zweieinhalb Minuten dauernde Bericht in dieser Tagesschau, weil er es geschafft hat, ein Bild der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland zu zeichnen, das mich wirklich beeindruckt hat.

Ich habe ihn mir dann noch zwei Mal angesehen, weil ich wissen wollte, ob ich denn etwas falsch verstanden oder etwas übersehen hatte. Allein, ich blieb beeindruckt.

Ich bitte Sie jetzt um Folgendes:
Ich weiß, daß alles, was Sie später in meiner Auswertung des Nachrichtentextes lesen werden, wirklich subjektiv geschrieben ist. Es sind meine Beobachtungen beim Spazieren durch diese zweieinhalb Minuten der Nachrichtensendung. Ich nenne sie auch konsequent NICHT Analyse, wie ich das sonst bei Redetexten tue, sondern Beobachtungen, Eindrücke beim Spaziergang durch die Bilder und vor allem Sätze, die zu sehen und zu hören waren.

Daher: Bitte schauen Sie sich ZUERST den Beitrag an.

Sie sehen ihn, solange online, hier von 00:02:50 bis 00:05:23

Wenn er nicht mehr online ist, lesen Sie hier das Transkript des Beitrags:

Moderator: Mehrere Innenpolitiker warnen vor einer Zunahme von Verschwörungstheorien in der Coronakrise.

Die Vorstellung, daß die Pandemie bewußt herbeigeführt wurde, um das Volk zu kontrollieren, reiche bis weit in die Mitte der Gesellschaft, sagte Thüringens Innenminister Maier dem Spiegel. Er kündigte an, das Thema bei der nächsten Innenministerkonferenz zu besprechen.

Bekannt wurde jetzt auch ein umstrittenes Papier von einem Mitarbeiter aus dem Bundesinnenministerium.

Moderator: Ein Gegner der Coronamaßnahmen - ausgerechnet im Bundesinnenministerium: Er soll den Umgang mit Covid-19 als globalen Fehlalarm bezeichnet haben.

Seine Privatmeinung habe er mit einem offiziellen Briefkopf verschickt, heißt es in einer Pressemitteilung. Es ist der gleiche Tenor wie bei den Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen, etwa in Erfurt.

Interviewgast, männlich: Ich hol‘ mir meine Informationen aus dem Internet. Das deckt sich nicht mit dem, was ich jeden Tag im Fernsehen und Presse serviert kriege.

Moderator: Ein Blick ins Internet zeigt, wo der Hass herkommt. Verschwörungstheoretiker hetzen derzeit vor allem gegen Bill Gates, der sich weltweit für Impfungen einsetzt und angeblich auch die Regierung und Medien manipuliere.  

Im Bild u.a. Bewegtbilder mit Martin Sellner - nicht bei einer Demo, sondern aus einer andern Bildquelle - beim Spazieren und Reden im Grünen. Sein Name wird nicht erwähnt.

Auch Rechtsextremisten wollen vom Protest der Bürger profitieren. Einige ihrer Argumente sind bei den Protesten auf der Straße wieder zu hören.

Insert: Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft

Matthias Quent: Es ist zu befürchten, daß die bisher noch diffusen Proteste dieses heterogenen Spektrums, wo Menschen mit berechtigten Sorgen, Menschen mit Paranoia, mit Verschwörungsvorstellungen teilnehmen, übernommen werden von rechtsradikalen Akteuren, die das in eine Ideologie, in eine politische Kampagne pressen.

Moderator: Auch Bundestagsabgeordnete wie Franziska Brantner von den Grünen kommen immer wieder in Kontakt mit eigenen Anhängern, die mit der Widerstandsbewegung sympathisieren.

Man hört das Signalläuten von Skype und die Abgeordnete ins Handy sagen: Ja, jetzt geh mal dran.

Moderator: Per Telefon und Skype versucht sie zu verstehen, wo die Wut herkommt. In diesem Fall sind es die Ausreiseuntersagungen.

Insert zum Gesprächspartner Jürgen Rink

Jürgen Rink: Ich habe viele Freunde in der Schweiz und habe eine Lebensgefährtin, die in der Schweiz lebt, und wir dürfen uns nicht sehen. Ja? Das geht nicht.

Franziska Gartner schlägt mit der Hand auf den Tisch: Deshalb muß man nicht zu solchen Demos ...

Moderator: Die Bundesjustizministerin sagte im ARD Bericht aus Berlin, die Regierung müsse besser zuhören, besser erklären.

Insert: BJM Christine Lambrecht, SPD

Christine Lambrecht: Ich glaube, das ist eine Aufgabe, die wir noch mehr wahrnehmen müssen. Daß deutlich wird, warum denn bestimmte Einschränkungen, auch wenn wir viele Lockerungen haben, aber warum bestimmte Einschränkungen immer noch da sind.

Moderator: Sicherheitsexperten warnen: Zwar gehe nur eine Minderheit auf die Straße. Die Regierung müsse dennoch die Sorgen vieler Bürger ernstnehmen. Der Protest, angefacht von Verschwörungstheoretikern, könne sich langfristig festsetzen.

Ende des Transkripts.


Lieber Leser! Was ist Ihnen aufgefallen?

Wenn Ihnen etwas fehlte, was war es? Wie nahmen Sie die Faktoren wahr, die in einer Nachrichtensendung eines öffentlich-rechtlichen Senders wichtig sind?

Beispiele: Unterscheidung von Information und Kommentar; Ausgewogenheit; Objektivität; Unterscheidung von emotionaler und sachlicher, moralischer und inhaltlich – argumentativer Ebene?

Haben Sie sich ein Bild gemacht?

Lesen Sie hier, was mir aufgefallen ist (PDF).

Wenn Sie grad keine Zeit haben, sehen Sie hier meine zusammenfassende Skizze zur Kernbotschaft des Tagesschau-Beitrages (PDF).


Bildquelle: ARD Tagesschau.de (Screenshots aus dem Beitrag)